Die Multiplikatoren-Fata Morgana
Was man sich am Anfang der Selbstständigkeit so vorstellt, entspricht nicht immer der Realität. Manchmal kracht man unschön auf den Boden der Tatsachen und mitunter kann man rückblickend darüber schmunzeln, wie man sich etwas vorgestellt hat.
Das ist hier mein Beitrag zu unserer Blogparade für Selbstständige zum Thema „Desillusioniert”. Sie sind herzlich eingeladen, mitzumachen. Die Blogparade läuft bis Ende Februar.
Wenn ich über die ganze Spanne meiner Selbstständigkeit zurückblicke, dann kann ich sagen, dass ich am meisten vom Multiplikationseffekt desillusioniert bin:
- “Schreiben Sie für uns einen Artikel, dann lesen das gaaaaanz viele Leute.”
- “Halten Sie einen Vortrag bei uns, das ist voll die Werbung für Sie!”
- “Machen Sie ein ausführliches Telefoninterview mit mir, das bringts dann total für Sie.”
- “Wir sollten unbedingt kooperieren ...”
Natürlich gibt es Deals dieser Art, die sich für beide Seiten lohnen können. Aber wenn ich unter alle Maßnahmen, die ich in über zehn Jahren ausprobiert habe, einen Strich ziehe, dann kommt ein ganz schönes Negativgeschäft für mich raus. In den meisten “Kooperationen”, die darin bestanden, dass ich etwas von mir beitrage, hatte der andere letztlich deutlich mehr davon.
In einigen krassen Fällen hat die Gegenseite ihren Part des Deals überhaupt nicht eingehalten. Da wurde versprochen, zu einem Artikel die Website abzudrucken und das wurde dann “leider vergessen”. Oder beide Seiten wollten kräftig die Werbetrommel rühren, der andere hat aber schlichtweg nichts getan.
Ganz schlimm sind auch die Pappenheimer, die ein Projekt vorantreiben, richtig viel Arbeit (bei mir) verursacht haben und es dann einfach im Sande verlaufen ließen.
Darum bin seit einigen Jahren schlauer geworden und mache solche Aktionen nur noch ganz restriktiv:
- Ich mache Telefoninterviews nur noch, wenn ein Buch von mir genannt wird. Wenn es ein größerer Artikel mit mehr Aufwand ist, muss das Cover abgebildet werden.
- Ich schreibe Artikel nur noch gegen Honorar.
- Ich halte nur noch sehr selten Vorträge, und wenn gegen Bezahlung.
- Ich kooperiere nur noch mit ausgewählten Leuten, die ich sehr gut kenne.
Es gibt einige wenige Ausnahmen, die ich mache, wenn ich ganz bewusst meine Zeit oder Leistung verschenke. Aber die falschen Versprechungen des ach so großen Multiplikationseffekts glaube ich schon lange nicht mehr.
Oh, und dann fält mir beim Stichwort “Illusionen” noch etwas ein, das mir vor einigen Jahren ein anderer Selbstständiger gesagt hat: „Ich liebe die Illusion, jederzeit frei machen zu können. Morgen früh zum Beispiel einfach nicht in die Arbeit, sondern spontan zum Skifahren zu gehen. Ich tue es meistens nicht, aber ich könnte.“
Das hat mir damals gleich gefallen, denn so geht es mir auch mit dem “man könnte”. Diese Freiheiten, die manchmal gar nicht so weit genutzt werden, finde ich großartig ... auch wenn sie oft tatsächlich nur Illusion bleiben.
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Anmerkungen & Kommentare
Mich würde, wo wir gerade beim Thema sind, ja mal interessieren, wie viele interessante Ideen jährlich versanden, bloß weil kleine handwerkliche Fehler alles unnütz blockieren.
"mit mir selbst einen Vertrag gemacht", habe ich vor einigen Jahren. Modifiziert wurde er vor kurzem und dieser Vertrag ist eine Wucht für die Einhaltung meiner Selbstdisziplin.
Der Januar ist meistens bei mir ein Schlafmonat - generell und die Auftragslage liegt seit Beginn der Selbständigkeit irgendwie auch flach in diesem Monat. Also kann/ könnte ich mehr schlafen, lesen, mich bewegen in dieser Schlafzeit. Tu ich dieses Jahr auch. Und es tut soooo gut:-)! und dies nützt ebenfalls meiner Selbständigkeit. Und das Wissen "man könnte" tatsächlich anwenden, wenn man denn kann, ist echt super!
Grüße,
Silke
Illusion Hoch2 war, dass ich dann "schwer schuften müsste". Ich empfinde nur Arbeit, die ich nicht gerne tue, als "schuften". Alles was ich gerne tue, auch körperlich schwere Arbeit, empfinde ich als Urlaub, und das, was mir besonders schwerfällt, auch heute noch, ist diesen "Dauerurlaub" auch wirklich zu genießen, während die anderen "schuften".
also bei mir meldete sich heute eine Agentur, die mich als Coach haben möchte. Die Freude auf diese hoffentlich längere Art von Auftrag währte nicht lange: gerne für mehrere Jahre aber ehrenamtlich. Honorar in Form kostenloser Vorträge bei monatlichen Treffen (zu denen ich mich auch verpflichten müsste). Ja, und - was springt bei mir dabei heraus? Außer mehr Zeit für kein Geld innerhalb meiner Arbeitszeit? Ja, wie - Ehrenamt ist doch sozial, nöch? Und, dort treffe ich doch auch Kollegen, die genau dasselbe machen wie ich. Quak, quak neue Kooperationen, evtl. auch Aufträge, usw.
Na, ich überleg noch. Lohnt sich sowas irgendwie finanziell tatsächlich oder müsste ich doch den normalen Akquiseweg gehen? Oder kommen über die neuen Ehrenamtskollegen echt Empfehlungen und wieviel Zeit / Aufwand geht dabei in´s Ländle, damit sich´s irgendwann doch finanziell lohnt? Grübel, grübel..
Grüße aus Landau,
Juliane
inzwischen habe ich viele Illusionen über Bord geworfen:
*die obige von dir, Gitte, dass kostenlose Aufträge eine hervorragende Marketingmöglichkeit sind. Mache ich nicht mehr, denn meine Leistungen kosten ein klares Honorar und 0 € sieht meine Preistabelle nicht vor. Auch nicht 10 oder 30 €
* "Der Januar ist für Trainer und Coaches Saure-Gurken-Zeit." Ich habe gerade einige hervorragende Aufträge, die das Gegenteil beweisen. Es gibt Kunden, die wollen bewußt in dieser Zeit Trainings nutzen oder ihre Vorsätze wirklich in die Tat umsetzen und buchen dafür ein Coaching.
*Marketing läuft von alleine. Je mehr Zeit, Klarheit und Energie ich für mein Marketing einsetze, desto besser und interessanter sind die Aufträge.
Was auf jedem Fall bleibt und worüber ich mich immer wieder freue, ist die Tatsache, dass ich viele Aspekte meines Berufes selbst gestalten kann. Ob Arbeitszeiten, die Auswahl meiner Kunden, meine Urlaubszeiten. Und wenn ich dann mal wieder meinen Arbeitsort ins Café verlege, weil ich im Büro nix schaffe, dann wird mir wieder klar, dass ich auch deshalb mich selbstständig gemacht habe
@ Amos: Was beinhaltet dein "Vertrag mit dir selbst"?
@ Juliane: Anfragen, die du als Coach kostenlos machen sollst, würde ich dankend ablehnen. Es sei denn der Rahmen stimmt für dich. Meine Erfahrung ist, dass danach meistens nix kommt. Dagegen waren ähnliche Anfragen für mich gut, um mich auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. Aber brauchst du das wirklich?
Der Vertrag mit mir beinhaltet meine eigenen Ansprüche bzgl. der Arbeitszeit, der Arbeitsbedingungen, Entlohnung, Freizeit, Arbeitsumfeld usw.
Das habe ich mir mal aufgeschrieben und das wird regelmässig nachgebessert, bzw. den Umständen entsprechend verändert. Zum Beispiel kann ich jetzt nicht mehr so weit fahren,krankheitsbedingt.
Meine eigenen Rahmenbedingungen für meine Arbeit waren bisher eine gute Hilfe für mich.
bisher habe ich einen gedanklichen Vertrag mit mir abgeschlossen. Das nun auf´s Papier bringen hat bestimmt eine größere Klarheit und Kraft.
Danke für deine Erläuterungen!
nach reiflicher Überlegung werde ich der Agentur absagen! Mit an Bord die Erkenntnis: beraten und coachen kann ich schon, nur muss ich anders an (zahlende) Kunden kommen als über´s Ehrenamt.
Spamorakel: Nein, Gitte - 94 Militaries will ich nicht reiten müssen
bei den "Kooperationsangeboten" stimme ich 100%ig zu. Bis jetzt wollten ALLE nur, daß ich ihnen Aufträge durchreiche. Andersherum ist nie was passiert. Ich lass jetzt die Finger von diesen jungen Startups voller Elan und arbeite weiter mit meinen bewährten und gut bekannten Geschäftspartnern. Die haben auch gute Ideen und man kann sich voll und ganz auf sie verlassen. Auch darauf, dass es keine Einbahnstrasse ist.
Viele Grüße von Andrea
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Gitte Härter •
Die Selbstständigen sind gut beraten, mit sich selber einen Vertrag zu machen.
Das wird viel zu oft vergessen. Dann kann das "man könnte" eine Endschleife werden und die Illusion schwindet. Wie ein Zauberer steckt bei dem Selbstständigen keine Illusion, sondern Wissen. Dann funktioniert die Selbstständigkeit zauberhaft.