Motivation und Ausgleich

Runterzählen

Gitte Härter • 04.09.2008 • email Weiterempfehlen

Es gibt Aufträge, die mag man nicht machen. Es gibt Situationen, die fast unerträglich sind. Und es gibt so vollgestopfte Terminkalender, dass man schlichtweg kein Land mehr sieht. Um sich zu motivieren können Sie sich gut zureden, für Ausgleich sorgen, sich optimal organisieren. Und das ist alles gut und wichtig. Sie können aber auch runterzählen.

Vor einigen Jahren

... hatte ich mal spontan einen Auftrag angenommen: sechs Wochen Training mit einer schwierigen Klientel. Das Ganze auch noch verbunden mit Pendeln – was für mich ohnehin schon eine Tortur ist. Beginn war „nächster Mittwoch“, und als die Anfrage kam war es Freitag, also keinerlei Vorbereitungszeit, geschweige denn Zeit, den normalen Alltag umzuorganisieren.

Dieser unbedacht angenommene Auftrag hatte für mich zur Folge, dass ich sechs Wochen lang um fünf Uhr morgens aufstehen musste, mit der S-Bahn und zu Fuß eine Stunde Weg hatte, dann ein Training mit unwilligen und schwierigen (wenngleich sehr freundlichen) Teilnehmern hatte bis ich mich um halb vier nachmittags auf den Rückweg machen konnte. Zuhause dann meine normale Arbeit machen und abends die Vorbereitung und Unterlagen des Trainings für den nächsten Tag herrichten. Ich bin ja wirklich ein fleißiger Mensch und kann viel arbeiten, aber das war selbst für mich eine Ochsentour, die an allen Enden ihren Tribut forderte.

Was mir half:

  • Ich habe auf meinen Wandkalender die gesamte Trainingszeit mit einer Haftzettellinie abgeklebt.
  • Und jeden Tag, wenn ich nach Hause kam, durfte ich den Haftzettel von diesem Tag entfernen. (Also wohlgemerkt immer erst, wenn der Tag auch wirklich überstanden war.)

Auf diese Weise hatte ich mein „Es wird weniger“-Ritual und sah die Zeit, in der ich noch in diesem schlauchenden Arrangement gefangen war, vor meinen Augen schrumpfen.

Das ist wirklich erhebend! Und aus einem „schon ein Tag“ vorbei wurde ein „schon Mittwoch, jetzt geht die Woche wieder dem Ende zu“, „eine Woche rum“ – und ab Woche 3 ging es schon „bergab“, weil ich in der zweiten Hälfte der Auftragsdauer war.



Nicht immer heißt Motivation, sich unbedingt gut zuzureden (was einem in manchen Situationen auch gar nicht gelingen mag) – sondern es kann auch der Blick auf die näher kommende Ziellinie sein.

 

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Norbert am 04.09.2008
Hallo, Gitte!

Du hast meinen Respekt vor dieser Deiner Leistung!!!

Ein wenig hat mich Dein "Runterzählen"-Beispiel an Wehrpflichtige erinnert, die sich zum Ende ihrer Dienstzeit ein aufwickelbares Maßband mit einer Kette an ihre Hose hängen, um dann jeden Tag einen Zentimeter nach dem anderen davon abzuschneiden. Auf diese Weise wissen sie jeden Tag, wie viele Tage sie noch bis zum Ende der Wehrdienstzeit nach haben.

Einige Wehrpflichtige verbinden damit eine "Von etwas weg"-Motivation (Bundeswehr), andere haben eine "Zu etwas hin"-Motivation (Studium, Ausbildung, lange Reise ins Ausland etc.).

Falls es Eure Leserinnen und Leser interessiert, etwas zum Stichwort Motivation zu lesen, sei hier auf Wikipedia verwiesen.

Link zu Wikipedia - Motivation

Ich bevorzuge ja "Hin zu"-Motivationen.

Bei Deiner oben beschriebenen Motivation lese ich ebenfalls eine "Hin zu"-Motivation heraus: Hin zu einer frei organisierbaren Zeit nach diesem Auftrag.

Herzliche Grüße
Norbert
Von: Réka am 04.09.2008
Ich verwendete diese Runterzählen-Taktik oft in den verschiedenen Schulen. Meistens mit "Hin zu"-Motivation, da ich ganz konkrete Pläne für den Nachmittag / für die Ferien hatte.
Von: Ursula Kruck-Hantschel am 05.09.2008
Liebe Gitte,

ich kann hier sehr gut nachfühlen. Auch ich hatte bereits einmal das Vergnügen drei Monate lang täglich an einem Ort für 8 Stunden sein zu dürfen mit sehr hoher Anstrengung. :-(

Ich merkte, wie es mir täglich schwieriger fiel und wurde auch dadurch müder.

Runterzählen, dass ist eine interessante Sache - ich halb mir über die Runden indem ich mein Hauptaugenmerk für positive Reize schärfte: So legte ich mir immer einige schöne Dinge um mich herum. Eine Zeitung mit tollen farbenprächtigen Fotos. Nahm öfter mal einen Duft mit den ich an mir erneuerte, verwöhnte mich mit besonders gutem Essen und versuchte soviel frische Luft wie möglich zu bekommen... wow war ich froh als das vorbei war! wink

Herzliche Grüße aus der Hessischen Toscana zum Wochenende
Ursula
Von: Ralf Senftleben am 05.09.2008
Noch kurz zum Thema "Hin zu"-Motivation.

Ich bin vor kurzem über eine Untersuchung gestolpert. Ich glaube, es war in der FastCompany oder im Harvard Business Journal... weiß ich nicht mehr genau...

Jedenfalls haben die Leute von irgendeiner Uni eine Untersuchung gestartet und die Mitarbeiter in Unternehmen gefragt:

Motiviert es dich eher, ein Problem zu lösen?

Oder motiviert es dich eher, ein Ziel zu erreichen?

Und ca. 80% waren motivierter, ein Problem zu lösen.

Interessant.
Von: Norbert am 05.09.2008
Hallo, Ralf!

Ich sehe darin keinen Widerspruch.

Das zeigt, daß Menschen gern selbstbestimmt arbeiten. Für mich ist ein Ziel zunächst einmal eine Ausrichtung, eine Hinwendung, auf das ich mein Denken und Handeln ausrichte.

Auf dem Weg zum Ziel müssen Aufgaben (meinetwegen auch Probleme) gelöst und bewältigt werden. Man wird also herausgefordert, sich den Kopf zu "zerbrechen", etwas aus eigener Leistung heraus zu tun, um an das gewünschte Ziel zu gelangen.

Wunderbar!

Ziel setzen, Weg dahin überlegen, sich auf den Weg machen, die Herausforderungen auf dem Weg dort hin annehmen und lösen, notwendige Umwege in Kauf nehmen - und erfolgreich am Ziel angelangen.

Vielleicht ist hier der Wikipedia-Beitrag zum Stichwort *intrinsische Motivation* interessant.

Link zu Wikipedia - Intrinsische Motivation

Herzliche Grüße
Norbert
Von: Gitte Härter am 05.09.2008
Hallo zusammen,

hier hat sich ja ein spannendes Gespräch rund um Motivation entwickelt. Lustigerweise läuft ja gerade eine Paralleldiskussion im Beitrag Was finden meine Kunden doof, wo es auch in den Kommentaren gerade mehr und mehr darum geht, dass man selbst eben auch bestimmte Dinge vermeiden kann und sollte, die man an Kunden/Aufträgen "doof" findet.

Ich denke schon, dass es wichtig ist, das für sich selbst zu sortieren, was/wann ein "hin zu" oder "weg von" ist und wann einen was am besten motiviert.

Da tickt halt doch auch jeder etwas anders wie Norbert und Réka im Gewohnheiten-Beitrag auch anhand der _Wortwahl_ besprochen haben.

Bei einem funktioniert es gut, sich positiv zu motivieren. In meinem Beispiel des Aushaltens hat das Ursula schön geschildert, wie sie für sich die Situation besser gemacht hat, indem sie sich Gutes tat und auf Positives achtete.
Für mich war es in derselben Situation das Mittel der Wahl zu sagen: Augen zu und durch und mein Augenmerk aufs Überstanden-haben zu richten.

Motivation generell funktioniert bei vielen Leuten oft mit Belohnungen. Ich selbst "bestrafe" mich häufiger als dass ich mich belohne, etwa indem ich erst etwas tun muss bevor ich etwas haben darf. Auch nur Rhetorik und dasselbe Ziel. Bei manchen Leuten wäre es kontraproduktiv, diesen Blickwinkel des "erst musst du" einzunehmen - aber sehr viel produktiver es umzuformulieren oder sogar die Reihenfolge zu ändern: Jetzt darf ich erst das Schöne machen und danach mache ich mich dann an das nicht so Tolle.

Warum das besonders wichtig ist, das für sich rauszufinden, ist auch, dass man Tipps, die man liest auch annehmen kann. Wenn jemand immer nur von "Zielen erreichen und positiv rangehen" hört, aber sich von Problemen bestürmt fühlt, dann könnte er sehr leicht übersehen, dass der Tipp für ihn sehr relevant ist und ihm bei seinem Problem hilft.

Auf wiederlesen
Gitte
Von: Réka am 08.09.2008
[...]Hin-zu und Weg-von Motivation schließen einander überhaupt nicht aus. Ganz im Gegenteil: sie ergänzen einander. Ich würde lieber nicht über zwei Arte, sondern über zwei Teile der Motivation sprechen. Vorige Woche tauchte das Thema Hin-zu und Weg-von Motivation in mehreren Diskussionen auf unternehmenskick.de auf. [...]
Von: Harald Dvorak am 10.09.2008
Und ca. 80% waren motivierter, ein Problem zu lösen.


Probleme lösen verstehe ich in erster Linie als Mittel zum Zweck. Ich stell mir die Frage, was nach dem Problemlösen dann vordergründig mehr im persönlichen Erleben erfahrbar wird. Und das wäre dann das, was motiviert. Insofern wäre in der genannten Untersuchung noch interessant, die Frage nach dem "wozu" zu stellen.

 

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