So fühlen Sie Ihren Stärken wirklich auf den Zahn
Um Stärken geht es ja immer wieder mal, zum Beispiel habe ich Ihnen vor einem Jahr gesagt: „Sie können mehr, als Sie denken!“ und Ihnen 100 Eigenschaften an die Hand gegeben, die Sie dazu inspirieren sollen, Ihre Stärken zu finden und zu konkretisieren.
Viele Selbstständige machen sich durchaus über ihre Stärken Gedanken (was gar nicht immer so leicht ist!), aber sie belassen es dann leider oft dabei – was dazu führt, dass am Ende eine Liste mit Stärken dasteht, die man mehr oder weniger glaubt, aber gar nicht so recht etwas mit anfangen kann.
Ich sage ja immer dazu: “Werden Sie konkret! Gehen Sie den Dingen auf den Grund!” – und dann finden Sie Fragen wie diese
- Meine Definition dieser Stärke: Was genau heißt das für mich? Was gehört dazu?
- Diese Stärke in der Praxis: Drei Situationen, in denen ich genau diese Stärke genutzt habe. Worum ging es? Was habe ich getan? Mit welchem Erfolg? Wie hat mir genau diese Stärke besonders genützt?
- Berufliche Einsatzgebiete für meinen Alltag: Wo nützt mir diese Stärke in meiner Arbeit ganz besonders?
Heute will ich Ihnen dazu einmal einige Antworten geben. Denn wenn man sieht, wie das mit dieser Fragerei genau gemeint ist, tut man sich viel leichter, sich Antworten zu geben, mit denen man dann auch wirklich etwas anfangen zu kann!
Sagen wir, ein Trainer sagt von sich: „Meine Stärke ist mein großes Einfühlungsvermögen.“ Nun nimmt er sich die obigen Fragen vor, um das zu konkretisieren.
So sieht das Konkretisieren dieser Stärke aus:
Die Definition dieser Stärke: Was genau heißt das für mich? Was gehört dazu?
Einfühlungsvermögen heißt für mich, dass ich gut die Perspektive wechseln, mich also in mein Gegenüber hineinversetzen kann. Ich habe zwar meinen eigenen klaren Standpunkt und weiß, wie ich mich in Situationen fühle und verhalte, kann mich aber wunderbar in andere Personen hineinfühlen, wenn diese beispielsweise unsicherer sind oder Angst haben.
Einfühlungsvermögen bedeutet aber auch, dass ich spüre, wenn etwas in der Luft liegt. Wenn ich durch aufmerksame Beobachtung und intuitiv mitbekomme, dass da noch etwas unausgesprochen oder noch nicht stimmig ist.
Und Einfühlungsvermögen heißt natürlich auch, unterschiedlich mit meinem Gegenüber zu sprechen: kann ich direkt und unverblümt sein oder muss ich etwas eher versachlichen oder “weicher” nahebringen.
Diese Stärke in der Praxis: Drei Situationen, in denen ich genau diese Stärke genutzt habe. Worum ging es? Was habe ich getan? Mit welchem Erfolg? Wie hat mir genau diese Stärke besonders genützt?
Erste Situation: Beim Teamtraining für die Fabrikarbeiter, die den Verwaltungskollegen im “Krawattenblock” unnötige Planung und Gerede vorwarfen.
Es herrschte großer Zwist zwischen Verwaltung und Produktion. Ein Aspekt war, dass die Produktionshelfer sich als „Männer der Tat“ begriffen, die handeln anstatt und zu reden. Planung taten sie als unnötige Wichtigtuerei ab.
Durch das Abstrahieren und Eindenken in die Ärmel-hochkrempel-Sichtweise konnte ich sofort umschwenken. Ich habe als Beispiel genommen, dass mir einer der Arbeiter meine Küche umbaut und mit Frage- und Antwort nach und nach herausgearbeitet, wie seine Vorgehensweise dabei wäre. Dadurch konnte ich den Arbeitern beweisen, dass sie selbst sehr wohl planen und dass Planung einen wichtigen Stellenwert hatte. Das war ihnen tatsächlich nicht bewusst gewesen und wir konnten daraufhin sehr viel konstruktiver weitermachen.
Zweite Situation: Beim Training für Firma X, als sich der Marketing- und Verkaufsleiter in die Haare bekommen haben.
Es ging um den typischen Konflikt, dass sich der Vertrieb nicht genug unterstützt fühlte und das Marketing dem Vertrieb vorwarf, alles zu blockieren. Die beiden waren so sehr verstrickt in die „Du bist schuld, weil“-Schiene, dass sie gar nicht mehr sachlich argumentierten, geschweige denn, Lust hatten, sich auf den anderen einzulassen.
Hier habe ich gedolmetscht, also vorgeschlagen, dass ich das, was ich vom Marketingleiter als Unzufriedenheitspunkte gehört habe, in eigene Worte fasse und er mich korrigiert oder ergänzt. Anschließend unternahm ich das Gleiche aus Vertriebsleitersicht. Dadurch konnten sie nicht nur wieder sehr viel sachlicher aufeinander zugehen, sondern sie haben sich zum ersten Mal seit langem, wieder auf die Inhalte und unterschiedlichen Anforderungen eingelassen.
Das war nur möglich, weil ich in der Ich-Form, konstruktiv und entschuldigend formuliert habe. Beide haben erkannt, dass diese Art der Kommunikation viel offener macht und sie ihren Konflikt längst beigelegt hätten, wenn sie den Blickwinkel der anderen Person auf diese Weise vermittelt bekommen hätten.
Dritte Situation: Beim offenen Kurs letzten Monat, bei dem die eine Teilnehmerin plötzlich komplett „zumachte“.
Alle waren bei einer Übung begeistert dabei, nur die eine Teilnehmern, die zuvor so aktiv und lebendig dabei war, stieg plötzlich ersichtlich aus und wollte mir auf Nachfrage nicht sagen, worum es ging. Ich konnte mir durch Beobachtung dann ungefähr zusammenreimen, dass sie Angst vor der Gruppenarbeit haben könnte und habe ihr das unter vier Augen in der Pause als Vermutung gespiegelt. Dadurch konnten wir darüber sprechen und ihr Zumachen auflösen.
Berufliche Einsatzgebiete für meinen Alltag: Wo nützt mir diese Stärke in meiner Arbeit ganz besonders?
- Ich bekomme schnell ein gutes Gefühl für die unterschiedlichen Menschen im Training.
- Ich kann schnell Zusammenhänge herstellen und weitere Dimensionen einer Situation erahnen.
- Ich kann aus meinem Know-how die unterschiedlichsten Lösungen anbieten und so jedem das Passende vorschlagen.
- Ich erkenne das eigentliche Problem, kann also häufig die Wurzel erkennen oder entsprechend nachfragen.
- Ich kann situationsbedingt praktische Beispiele, Gedanken oder O-Töne konstruieren und so nicht nur mein Wissen besser vermitteln, sondern auch meine Teilnehmer beim Perspektivenwechsel unterstützen.
- Ich kann Stimmungen – ebenso sich anbahnende Konflikte – „riechen“ und rechtzeitig angehen, so dass nichts eskaliert.
- Ich kann gut verschiedene Meinungen zusammenführen und dem jeweils anderen verschiedene Standpunkte vor Augen führen oder vermitteln.
- Ich kann die unterschiedlichsten Zielgruppen akquirieren, weil ich mit allen Menschen und Positionen gut klarkomme und mich in deren Situation immer schnell einfinde.
- Wenn ich ein Angebot abgebe, dann ich immer sofort praktische Elemente aus dem Alltag meines Gegenübers einfließen lassen.
Sie sehen, wie unglaublich ergiebig es ist, genauer hinzusehen: aus einem „Ich habe großes Einfühlungsvermögen“ ist nun eine ganz vielschichtige und nützliche Antwort geworden. Sie können erkennen, wie sehr eine Stärke nützt; Sie sehen anhand der Antworten, wie viele weitere Pluspunkte sich daraus ergeben – und nicht selten, findet man so sogar seine stärkste Stärke, die Ihr Business so richtig nach vorne bringen kann.
Dieser Artikel ist ein Auszug aus meinem Buch „Mit Persönlichkeit punkten - zeigen Sie Profil: Wie Sie im Trainermarkt mit passgenauen Angeboten hervorstechen können“, das sich schwerpunktmäßig an Trainer richtet. Details zum Buch
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